12
In der engen Küche des Jagdhauses stand Renata an der Küchenablage, ein Messer locker in der Hand. „Was möchtest du heute Abend - das Traubengelee oder die Erdbeermarmelade?"
„Traubengelee", antwortete Mira. „Nein, wart mal - doch lieber Erdbeermarmelade."
Sie saß neben Renata auf der Kante der hölzernen Arbeitsfläche und ließ lässig die Beine baumeln. In ihrem lilafarbenen T-Shirt, der ausgeblichenen Jeans und den abgewetzten Turnschuhen wirkte Mira wie jedes andere normale Vorstadtkind, das auf sein Abendessen wartete. Aber normale kleine Mädchen mussten nicht tagein, tagaus das Gleiche essen. Normale kleine Mädchen hatten Familien, die sie liebten und sich um sie kümmerten. Sie wohnten in hübschen Häusern, auf hübschen, baumbestandenen Straßen, mit hellen Küchen und vollen Speisekammern und Müttern, die wussten, wie man wundervolle, abwechslungsreiche Mahlzeiten zubereitete.
Zumindest war das Renatas Idealvorstellung von dem, was normal war. Aus eigener Erfahrung kannte sie so etwas nicht.
Als Straßenkind, bevor Jakut sie gefunden und zum Jagdhaus gebracht hatte, wusste auch Mira nicht, was normal war. Aber es war ein gesundes, normales Leben, das Renata sich für das Kind wünschte. Ein vergeblicher Wunsch, wenn man so in Sergej Jakuts schmutziger Küche stand, neben einem kaputten Gasherd, der vermutlich nicht einmal dann funktionierte, wenn es eine Gasleitung gäbe, um ihn anzuschließen.
Da Renata und Mira die Einzigen im Jagdhaus waren, die Lebensmittel brauchten, hatte Jakut es Renata überlassen, sich um ihre Ernährung zu kümmern. Renata interessierte nicht sonderlich, was sie aß - Essen war Essen, eine funktionale Notwendigkeit, nichts weiter -, aber sie hasste es, dass sie Mira nicht ab und zu mit etwas wirklich Leckerem verwöhnen konnte.
„Irgendwann gehen du und ich groß aus und bestellen uns ein richtiges Abendessen, eins mit fünf Gängen, alle anders. Plus Nachtisch", fügte sie hinzu und schmierte Erdbeermarmelade auf eine Weißbrotscheibe. „Vielleicht bestellen wir uns sogar zweimal Nachtisch für jede."
Mira lächelte unter ihrem kurzen, schwarzen Schleier, der ihr bis zu ihrer kleinen Nasenspitze fiel. „Meinst du, wir können welche mit Schokolade haben?"
„Definitiv Schokolade. Da", sagte sie und reichte ihr den Teller. „Erdnussbuttersandwich mit Extraportion Marmelade und ohne Rinde, wie gewünscht."
Renata lehnte sich gegen den Tresen, als Mira in ihr Sandwich biss und es aß, als wäre es so köstlich wie jedes Fünfgänge-Menü, das sie sich nur vorstellen konnte.
„Vergiss deinen Apfelsaft nicht."
„Mhm."
Renata stieß den Plastiktrinkhalm in die Safttüte und stellte sie neben Mira. Dann begann sie, die Sachen wegzuräumen, und wischte die Arbeitsfläche ab. Jeder Muskel ihres Körpers spannte sich an, als sie im Nebenraum Lex' Stimme hörte.
Er war seit Sonnenuntergang fort gewesen. Renata hatte ihn nicht gerade vermisst, aber sie hatte sich doch gefragt, was er wohl die ganze Zeit getrieben hatte. Die Antwort auf diese Frage kam in Form von betrunkenem Gelächter einer Frau - mehrerer Frauen, dem Gelächter und Gekreisch nach, das aus der großen Halle des Jagdhauses drang.
Lex brachte oft Menschenfrauen nach Hause, als Blutwirtinnen und zu seiner Unterhaltung. Manchmal behielt er sie tagelang bei sich. Wenn er mit ihnen durch war, gab er sie gelegentlich an die anderen Wachen weiter, und jeder von ihnen benutzte die Frauen nach Lust und Laune in jeder nur erdenklichen Weise, bevor er ihre Erinnerungen auslöschte und sie wieder hinauswarf, zurück in ihr altes Leben. Es machte Renata ganz krank, unter demselben Dach zu leben wie Lex, wenn er in Partystimmung war, aber was sie wirklich wütend machte, war, dass auch Mira - wenn auch nur am Rande - etwas von seinen Spielen mitbekam.
„Was ist da draußen los, Rennie?", fragte sie.
„Iss dein Sandwich auf, befahl Renata, als Mira zu essen aufhörte, um dem Krach im Nebenraum zu lauschen. „Bleib hier. Ich bin gleich wieder da."
Renata ging aus der Küche hinaus und den Gang hinunter, auf den Lärm zu.
„Austrinken, die Damen!", schrie Lex und ließ einen Karton voller Schnapsflaschen auf das Ledersofa fallen.
Er selbst würde weder den Alkohol konsumieren noch die anderen Partygeschenke, die er besorgt hatte. Ein paar durchsichtige, aufgerollte Plastiktüten, jede prallvoll mit etwas, was wohl Kokain sein musste, lagen durcheinander auf dem Tisch. Gerade schaltete jemand die Stereoanlage ein, der Bass wummerte unter derben Hip-Hop-Texten.
Lex packte die kurvenreiche Brünette mit der albernen, gackernden Lache und legte den Arm um sie. „Ich hab dir doch gesagt, dass wir uns heute Nacht amüsieren! Komm her und zeig mir, wie dankbar du mir bist."
Er war in selten guter Stimmung. Und kein Wunder, denn er hatte einen satten Fang nach Hause gebracht: fünf junge Frauen in High Heels, knappen Tops und ultrakurzen Miniröcken. Zuerst hielt Renata sie für Prostituierte, aber bei genauerem Hinsehen entschied sie, dass sie zu sauber waren, unter ihrem schweren Make-up zu frisch und unverbraucht, um vom Gewerbe zu sein. Wahrscheinlich waren sie nur naive Cluberinnen, völlig ahnungslos, dass der charismatische, attraktive Mann, der sie da abgeschleppt hatte, in Wirklichkeit eher einem Albtraum entsprungen war.
„Kommt rein und lernt meine Freunde kennen", sagte Lex zu der Gruppe kichernder Frauen und winkte die anderen Stammesvampire zu sich, damit sie seine Ausbeute des heutigen Abends begutachteten. Einen Augenblick lang lag greifbares Unheil in der Luft, als die vier muskelbepackten, schwer bewaffneten Wachen ihre menschlichen Appetithäppchen hungrig angrinsten. Lex stieß drei der Frauen den gierigen Vampiren entgegen. „Nicht schüchtern sein, die Damen. Das ist schließlich eine Party. Geht und sagt Hallo."
Renata bemerkte, dass er die beiden hübschesten Mädchen fest im Arm hatte. Typisch Lex, das Beste hatte er wieder für sich reserviert. Renata wollte sich schon umdrehen und zu Mira in die Küche zurückgehen - sie wollte versuchen, die Blutorgie zu ignorieren, die hier gleich stattfinden würde -, aber noch ehe sie zwei Schritte getan hatte, kam Sergej Jakut aus seinen Privaträumen gepoltert.
„Alexej." Der ältere Vampir strömte Hitzewellen der Wut aus. Er starrte Lex wütend an, seine Augen blitzten bernsteingelb. „Du warst stundenlang weg. Wo warst du?"
„In der Stadt, Vater." Er versuchte ein großherziges Lächeln, als wollte er sagen, dass er seine Pflichten nicht aus rein egoistischen Gründen so lange vernachlässigt hatte.
„Schau, was ich dir mitgebracht habe."
Lex zog eine der jungen Frauen von den Wachen fort und präsentierte sie Jakut zur Begutachtung. Jakut würdigte Lex' Trophäe keines Blickes. Er starrte die beiden Frauen an, die Lex für sich selbst reserviert hatte.
Der Gen Eins grunzte. „Würdest du dir Scheiße vom Stiefelabsatz kratzen und mir als Gold verkaufen?"
„Nie", erwiderte Lex. „Vater, so etwas würde ich nicht einmal im Traum ..."
„Gut. Diese beiden da kommen mit mir", sagte er und zeigte auf Lex' Frauen.
So zornig er auch sein musste, so sehr ihn diese öffentliche Verletzung seines Stolzes auch demütigen musste, sagte Lex doch kein Wort. Er senkte den Blick und wartete schweigend, bis Jakut seine beiden Gefährtinnen eingesammelt hatte und mit ihnen auf seine Privaträume zuschritt.
„Ich erwarte, nicht gestört zu werden", befahl Jakut finster. „Aus keinem Grund."
Lex nickte in gefasstem Gehorsam. „Ja, Vater. Natürlich.
Was immer du wünschst."
Nikolai hörte Musik und laute Stimmen, noch bevor er sich dem Jagdhaus auf hundertfünfzig Meter genähert hatte. Er schlich sich nahe heran, bewegte sich durch die Wälder wie ein Geist, vorbei an Lex' Wagen, der hinter dem Haus geparkt war, die Motorhaube noch warm von der Fahrt aus der Stadt.
Niko war sich nicht sicher, was er finden würde, hatte aber alles erwartet außer einer verdammten Party, wie sie offenbar gerade im Haus in Gang war. Das Anwesen war so hell erleuchtet wie ein Weihnachtsbaum, Licht strömte aus den Fenstern der großen Halle, wo man sich offenbar mit mehreren Frauen amüsierte. Der Hardcore-Rap ließ die Erde unter Nikolais Stiefeln vibrieren, als er sich seitlich ans Haus heranschlich und durchs Fenster hineinspähte.
Lex war da. Er und der Rest von Jakuts Bodyguards, in der rustikalen Halle versammelt. Drei junge Frauen, nur noch in Höschen, tanzten auf den Pelzteppichen, allesamt eindeutig im Vollrausch, der Menge von Schnapsflaschen und Drogen nach, die auf dem Tisch in der Nähe ausgebreitet war. Die vier Vampirwachen johlten und feuerten sie an, vermutlich nur noch Sekunden davon entfernt, die ahnungslosen Frauen anzuspringen.
Währenddessen lümmelte Lex in nachdenklicher Haltung auf dem Ledersofa, seine dunklen Augen auf die Frauen gerichtet, doch mit den Gedanken schien er meilenweit fort.
Von dem Rogue, mit dem Lex in der Stadt geredet hatte, war keine Spur zu entdecken. Auch nicht von Sergej Jakut, und angesichts der Tatsache, dass seine gesamte Sicherheitstruppe völlig von dieser netten, kleinen Peepshow in Anspruch genommen wurde, schalteten sich Nikos Kriegerinstinkte sofort auf höchste Alarmbereitschaft.
„Was zur Hölle hast du vor?", murmelte Niko leise.
Aber er kannte die Antwort schon, noch bevor er begann, sich auf den hinteren Teil des Hauses zuzubewegen, zu Jakuts Privaträumen. Wo ein schwacher, aber hartnäckiger Geruch Nikos schlimmsten Verdacht bestätigte.
Verdammt.
Der Rogue war hier.
Niko konnte auch frisch vergossenes Blut riechen, einfaches Menschenblut, sein Geruch fast überwältigend, je näher er Jakuts Räumen kam. Blut und Sex, um genau zu sein, als hätte der Gen Eins sich schon eine ganze Weile in beidem gesuhlt.
Ein plötzlicher Schrei gellte durch die Nacht.
Der einer Frau. Totales Entsetzen lag darin, und er kam aus Jakuts Räumen.
Dann gedämpfte Schüsse.
Rat-tat-tat!
Nikolai flog durch die Hintertür des Jagdhauses, nicht weiter überrascht, dass sie nicht abgeschlossen war und offen stand. Er krachte in Jakuts Zimmer, seine Halbautomatik in der Faust, bereit, sein Magazin voller Titanmunition zu entleeren.
Was er sah, war ein totales Gemetzel.
Sergej Jakut lag auf dem Bett, nackt über einer Frau ausgestreckt, die unter seinem leblosen Körper eingeklemmt war, ihr Hals dort aufgerissen, wo der Vampir noch vor einer Sekunde an ihr gesaugt hatte. Sie bewegte sich nicht mehr, und die Farbe ihrer Haut und ihrer Haare war nicht mehr erkennbar, weil sie fast vollständig von Blut überströmt war - ihrem eigenen und dem von Jakut.
Dem Gen Eins fehlte das halbe Gesicht. Sergej Jakuts Kopf war nach den drei Kugeln, die man ihm aus unmittelbarer Nähe in den Hinterkopf geschossen hatte, nur noch wenig mehr als zerschmetterte Knochen, Gewebe und Blut. Er war tot, und der Rogue, der ihn getötet hatte, war zu sehr in den Fängen der Blutgier, um Nikolais Anwesenheit zu bemerken.
Der Blutsauger hatte die Pistole, mit der er Jakut getötet hatte, fallen lassen und war momentan mit einer weiteren nackten Frau beschäftigt, die in einer Zimmerecke in der Falle saß. Ihre Augen waren so verdreht, dass man nur noch das Weiße sah, und sie bewegte sich nicht mehr. Scheiße, sie atmete auch nicht mehr, obwohl der Rogue immer noch von ihr trank und ihr mit seinen riesigen Fangzähnen den Hals aufriss.
Niko stellte sich hinter den Blutsauger und drückte ihm die Mündung seiner Beretta gegen den riesigen, zottigen Kopf. Er drückte den Abzug, jagte dem Mistkerl zwei titanbeschichtete Kugeln mitten ins Hirn. Der Rogue fiel zu Boden, zuckte und wand sich in Krämpfen. Das Titan wirkte schnell, und der Vampir starb mit einem Aufheulen, so laut und gespenstisch, dass die alten hölzernen Dachsparren des Jagdhauses erbebten wie von einem Donnerschlag.
Renata kam mit gezogener Waffe aus der Küche gerannt, ihr Kampfinstinkt beim Geräusch von Pistolenschüssen irgendwo im Haus und dem unmenschlichen Heulen, das auf sie folgte, schlagartig angespannt wie eine Klaviersaite.
Immer noch plärrte Musik in der großen Halle. Lex' Gäste hatten inzwischen gar nichts mehr an, der stetige Fluss von Drogen und Alkohol hatte sie in Hochstimmung gebracht.
Die jungen Frauen waren wild mit den Wächtern und auch miteinander zugange, und so gebannt, wie die Stammesvampire sie mit ihren Blicken verschlangen, hätten sie nicht bemerkt, wenn gleich nebenan eine Bombe hochgegangen wäre.
„Idioten", zischte Renata. „Hat das denn keiner von euch gehört?"
Lex sah auf, Besorgnis verdüsterte seine Miene, aber sie wartete seine Antwort nicht ab. Sie rannte den Gang hinunter auf Jakuts Privaträume zu. Die Halle war dunkel, die Luft dick. Es war alles zu ruhig dort hinten. Zu still.
Tod hing in der Luft wie ein Leichentuch und nahm ihr fast den Atem, als sie sich der offen stehenden Tür von Jakuts Privaträumen näherte.
Sergej Jakut war nicht mehr am Leben; Renata spürte diese Gewissheit in ihren Knochen. Schießpulver, Blut und ein überwältigender süßlicher, ekelerregender Geruch von Fäulnis und Verwesung warnten sie, dass sie gleich etwas Schreckliches zu sehen bekommen würde. Doch nichts hätte sie wirklich auf den Anblick vorbereiten können, als sie um den Türrahmen wirbelte, die Waffe fest mit beiden Händen erhoben. Bereit zu töten, wer auch immer ihr in die Schusslinie kam.
Der Anblick von so viel Tod, so viel Blut machte sie sprachlos. Es war überall: auf dem Bett, dem Fußboden, den Wänden.
Und auch auf Sergej Jakuts Mörder.
Nikolai stand inmitten dieses Gemetzels, sein Gesicht und sein dunkles Hemd blutbespritzt. In der Hand hielt er eine riesige Halbautomatik, die Mündung des stumpfen, schwarzen Laufs rauchte noch.
„Du?" Das Wort entschlüpfte ihren Lippen, Entsetzen und Fassungslosigkeit formten eine eisige Kugel in ihrem Magen.
Sie warf einen Seitenblick auf Jakuts Leiche - seine ausgelöschten Überreste, über dem Bett ausgestreckt, auf dem leblosen Körper einer Frau. „Mein Gott", flüsterte sie, erschrocken, Niko hier im Jagdhaus wiederzusehen. Noch schockierter aber war sie von dem Rest der grauenhaften Szenerie. „Du ... du hast ihn umgebracht."
„Nein." Der Krieger schüttelte düster den Kopf. „Nicht ich, Renata. Ein Rogue war hier bei Jakut." Er zeigte auf eine riesige schwelende Masse auf dem Boden - die Quelle des üblen Gestanks. „Ich habe den Rogue umgebracht, aber ich kam zu spät, um Jakut zu retten. Tut mir leid ..."
„Lass die Waffe fallen", sagte sie zu ihm.
Entschuldigungen interessierten sie nicht. Sie brauchte keine. Renata fühlte so etwas wie Mitleid für Jakuts gewaltsames Ende, ein Gefühl von Überraschung und Ungläubigkeit, dass er tatsächlich tot war. Aber keinen Kummer. Und nichts von alldem erlöste Nikolai von seiner Schuld. Sie nahm ihn genauer ins Visier und trat vorsichtig weiter in den Raum. „Waffe fallen lassen, sofort."
Er behielt seine .9mm weiter fest in der Hand. „Das kann ich nicht, Renata. Nicht, solange Lex am Leben ist."
Sie runzelte verwirrt die Stirn. „Was ist mit Lex?"
„Er hat diesen Mord zu verantworten, nicht ich. Er hat den Rogue hergebracht. Die Frauen hat er mitgebracht, um Jakut und die Wachen abzulenken, damit der Rogue nah genug herankommen konnte, um ihn zu töten."
Renata hörte ihm zu, hielt aber ihre Waffe unablässig weiter auf ihn gerichtet. Lex war eine Schlange, so viel war klar, aber ein Mörder? Würde er tatsächlich seinen eigenen Vater töten?
In diesem Augenblick näherten sich Lex und die anderen Wichen vom anderen Ende des Ganges.
„Was ist los? Ist was nicht in Ordnung da dr..." Lex verstummte abrupt, als er die offene Tür zu den Räumen seines Vaters erreichte. Im Augenwinkel sah Renata, wie er von Jakuts Leiche auf dem Bett zu Nikolai hinübersah. Er stolperte einen halben Schritt zurück, ohne einen Laut.
Dann explodierte er vor Wut. „Du Hundesohn! Du verdammter mörderischer Mistkerl!"
Lex setzte zum Sprung an, aber es war ein halbherziger Versuch, und er gab ihn auf, als Nikolais Pistole in seine Richtung schwang. Der Krieger verzog keine Miene, weder flackerte sein Blick, noch bewegte er einen einzigen Gesichtsmuskel. In vollkommener Ruhe starrte er Lex über den Lauf seiner Waffe hinweg an, obwohl auch Renatas Waffe und die der anderen Wächter auf ihn gerichtet waren.
„Ich hab dich heute Nacht in der Stadt gesehen, Lex. Ich war da. Die alte Mietskaserne. Der Köder, den du ausgelegt hast, um Rogues anzulocken. Der Blutsauger, den du mit nach Hause genommen hast ... ich hab alles gesehen."
Lex stieß ein höhnisches Schnauben aus. „Fick dich und deine Lügen! Gar nichts hast du gesehen."
„Was hattest du diesem Rogue für den Kopf deines Vaters anzubieten? Geld bedeutet Blutjunkies nichts, also wessen Leben hast du ihm als Bezahlung angeboten - Renatas? Oder vielleicht doch das zarte kleine Mädchen?"
Bei diesem Gedanken zog sich Renatas Brust zusammen.
Sie wagte einen schnellen Seitenblick auf Lex. Er grinste den Krieger kalt an und schüttelte langsam den Kopf.
„Du würdest alles sagen, um deinen Hals zu retten. Das zieht nicht. Nicht, wenn du vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden selbst das Leben meines Vaters bedroht hast." Lex drehte sich zu Renata um. „Das hast du doch auch gehört, oder nicht?"
Zögernd nickte sie und erinnerte sich daran, wie Nikolai Sergej Jakut öffentlich gewarnt hatte, dass jemand ihn ausschalten wollte.
Nun war Nikolai zurückgekommen, und Jakut war tot.
Heilige Muttergottes, dachte sie und sah wieder zu dem leblosen Körper des Vampirs hinüber, der sie die letzten zwei Jahre praktisch als Gefangene gehalten hatte. Er war tot.
„Mein Vater war in keinerlei Gefahr, bis der Orden auf der Bildfläche erschienen ist", sagte Lex gerade. „Ein vereitelter Mordanschlag, und nun das ... dieses Blutbad. Du bist es gewesen, der sich hier auf die Lauer gelegt hat, um zuzuschlagen. Du und der Rogue, den du dir heute Nacht mitgebracht hast. Ich kann nur annehmen, dass du von Anfang an vorhattest, meinen Vater zu töten."
„Nein", sagte Nikolai, und in seinen frostigen blauen Augen blitzte es bernsteingelb auf. „Du bist derjenige, den man töten muss, Lex."
Im Bruchteil einer Sekunde, gerade als sie sah, wie sich die Sehnen in seinem Arm anspannten und sich sein Finger auf den Abzug seiner Waffe senkte, schoss Renata einen harten Energiestrahl auf Nikolai ab. So wenig Zuneigung sie auch für Alexej empfand, mehr Tod konnte sie heute Nacht nicht ertragen. Nikolai brüllte, seine Wirbelsäule bäumte sich auf, sein Gesicht verzerrte sich vor Schmerz.
Der Schlag war effektiver als Kugeln, er riss ihn sofort auf die Knie. Die anderen Wachen stürmten in den Raum und packten seine Pistole und den Rest seiner Waffen. Die Läufe von vier Pistolen waren auf den Kopf des Kriegers gerichtet und warteten auf den Schießbefehl. Einer der Wachen spannte den Hahn seiner Waffe, begierig auf noch mehr Blutvergießen, auch wenn der Raum ohnehin übervoll vom Geruch des Todes war. „Wegtreten", befahl Renata ihnen.
Sie sah zu Lex hinüber. Sein Gesicht war angespannt vor Wut, seine Augen glitzerten gierig, seine scharfen Fangzähne deutlich sichtbar zwischen den geöffneten Lippen. „Sag ihnen, sie sollen wegtreten, Lex. Ihn jetzt zu töten wird nichts bringen, außer auch uns alle zu kaltblütigen Mördern zu machen." Es war unglaublich, aber Nikolai begann zu kichern. Er hob den Kopf, was ihn offensichtlich große Anstrengung kostete, solange ihr Energiestoß ihn noch niederhielt. „Er muss mich töten, Renata. Er kann doch keinen Zeugen riskieren. Ist es nicht so, Lex? Kannst ja wohl keinen laufen lassen, der dein schmutziges Geheimnis kennt."
Jetzt zog Lex seine eigene Pistole, stellte sich direkt vor Nikolai und drückte ihm die Mündung der Waffe gegen die Stirn. Er fauchte, sein Arm zitterte unter der Wildheit seiner Wut.
Renata erstarrte, entsetzt bei dem Gedanken, dass er tatsächlich abdrücken könnte. Sie fühlte sich innerlich zerrissen, ein Teil von ihr wollte Nikolai glauben, dass er unschuldig war - aber sie hatte auch Angst, ihm das zu glauben. Was er über Lex gesagt hatte, konnte einfach nicht wahr sein.
„Lex", sagte sie, das einzige Geräusch im Raum. „Lex ... tu das nicht."
Sie war nur um Haaresbreite davon entfernt, auch ihm einen Strahl zu verpassen, als er langsam die Waffe senkte.
Lex knurrte und gab schließlich nach. „Diesem Mistkerl wünsche ich einen langsameren Tod. Bringt ihn in die große Halle und fesselt ihn", sagte er zu den Wachen. „Dann soll einer sich hier um die Leiche meines Vaters kümmern. Einer von euch soll den Weibern da drüben das Gedächtnis löschen und sie vom Grundstück werfen. Und diese blutige Schweinerei will ich sofort weggemacht haben."
Lex warf Renata einen finsteren Blick zu, als die Wachen begannen, Nikolai aus dem Raum zu schleifen. „Wenn er irgendwelche Dummheiten macht, habt ihr freie Hand, den Hundesohn umzulegen."